Vanitas – Die Schönheit der Vergänglichkeit
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Vanitas – Die Schönheit der Vergänglichkeit

Vergänglichkeit und Schönheit wirkt wie ein Widerspruch.
Ist es nicht eher so, dass die Schönheit vergeht? Keineswegs. Denn es ist die schmerzlich-schöne Vergänglichkeit des Lebens und aller Dinge darin, die uns deren Kostbarkeit erst offenbart. Der Begriff Vanitas kommt bereits im Alten Testament vor: „Vanitas Vanitatum, et omnia vanitas“ heißt in etwa: „Es ist alles Eitelkeit.“ Vanitas lässt sich auch treffend mit Vergeblichkeit, Nichtigkeit und leerem Gerede übersetzen.

Vanitas und Memento Mori –
düstere Schönheiten vergangener Zeiten

Dem Begriff selbst wohnt also auf den ersten Blick wenig Schönes inne. Das Vanitas-Motiv wurde früher überwiegend im moralisch-religiösen Sinne verwendet. Es ist eng verwandt mit Memento Mori – dem Gedenken an den Tod – der im Mittelalter allgegenwärtig war.

Dieses morbide Konzept sollte die Menschen daran erinnern, ihr meist beschwerliches und kurzes Leben zur Vorbereitung auf das Leben im Jenseits zu nutzen – denn erst dort war Schönheit zu erwarten.
Die Vergänglichkeit war für die Menschen damals also eher Mahnung und keine Aufforderung, sich der Kostbarkeit des irdischen Lebens zu öffnen.

Memento Mori. Das Spruchband über der Figur sagt: „Gedenck Mensch sich wer Du bist/Wie ungleich Dott und Lebendig ist“, Süddeutsche Schule des 18. Jahrhunderts, Dorotheum – Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Faszinierender Gegensatz

Im Barock zog in diese düstere Gedankenwelt schließlich doch ein wenig Schönes ein: Zahlreiche Maler entdeckten die Faszination des Vanitas-Motiv und verbanden die düstere Aussage mit prächtiger Malerei.

Unbekannter französischer Meister, Allegorie der Eitelkeit irdischer Dinge, ~1630
Galleria Nazionale d’Arte Antica, Public domain, via Wikimedia Commons

Sie schufen meisterhafte Stillleben mit betörenden Farben und Kompositionen, die noch heute faszinieren: Verfaulendes Obst, schimmliges Brot und Fliegen bevölkern prächtige Tischszenerien. Doch auch wenn sich in diesen Gemälden morbide Totenschädel mit wunderbarer Maltechnik zu einer betörenden Schönheit vermischten, bleibt die morbide Aussage bestehen:

Das Leben ist kurz, sei folgsam und bereite dich aufs Jenseits vor.

 

Aus heutiger Sicht erscheinen diese Mahnungen wenig reizvoll und fast unverständlich. Im Laufe der Jahrhunderte verlor die Kirche jedoch immer mehr an Einfluss – und auch der Vanitas-Begriff büßte seine erzieherische Bedeutung und den erhobenen Zeigefinger ein.

Das Leben ist schön

Heute wähnen wir uns freier und aufgeklärter – und brauchen solche Mahnungen an die Vergänglichkeit vermeintlich nicht mehr. Doch der Vanitas-Begriff lässt sich auch ganz anders deuten. Jenseits mittelalterlicher Gedankenspiele kann er dabei helfen, den Blick auf die irdische Schönheit zu lenken.

Denn was ist das Leben ohne den Tod? Erst das Wissen um die Vergänglichkeit macht das Leben reizvoll und kostbar. Es ist die Endlichkeit, die uns den wahren Wert der Dinge vor Augen führt. Denn das Leben ist kurz – zu kurz für Nichtigkeit und leeres Gerede.

Der Vanitas Begriff zeigt aber noch mehr: Die Schönheit der Vergänglichkeit lässt sich auch im Sinne der Veränderung begreifen. So ist jedes Ende auch eine Art Transformation. Jede Erfahrung und jeder Bruch sind Zeichen von Vergänglichkeit und erschaffen zugleich etwas Neues.

Die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens (Vanitas), ~1630.1660, Collection Louvre Museum – David Ryckaert III, Public domain, via Wikimedia Commons

Uchikake mit roter Wolle auf Seidenbrokat gefilzt

Aus Zerstörung entsteht Kunst

Wenn eine weiße Stoffbahn mit der Schere zerschnitten und vermeintlich ihrer reinen Schönheit beraubt wird, wirkt das zunächst wie pure Zerstörung. Doch erst dieser Prozess ermöglicht die Entstehung eines neuen Dings. Die weiße Stoffbahn verschwindet und ein Kleidungsstück entsteht, das eine völlig neue Form und Bedeutung hat: Es schmückt und wärmt und schützt.
Und auch der Prozess des Färbens des hellen Stoffs ist eine Art der Vergänglichkeit. Unwiederbringlich dringt das Pigment in die Fasern ein – wie Schmutz, der den ursprünglichen Zustand vernichtet. Es gibt kein Zurück mehr. Ach, wie schön es doch vorher war. So rein, so weiß – und doch auch irgendwie langweilig und ohne Geschichte.

Denn wenn der Schmerz über den Verlust sich gelegt hat, ist da etwas Neues, etwas nie Dagewesenes: Erst durch den Transformationsprozess des Schneidens und Färbens entsteht ein Ding, das auf besondere Weise berührt. Denn genau dieser Veränderung macht daraus etwas Lebendiges, etwas, das einen neuen Nutzen hat – und durch seine Erfahrung von Vergänglichkeit vom Leben erzählt. Und genau das macht es kostbar und schön.

Veränderung macht kostbar

Was für die Dinge gilt, gilt auch für das Leben an sich. Alles ist Verlust und Transformation zugleich. Im Buddhismus bedeutet Anatta, dass ein unveränderliches, permanentes Selbst nicht existiert – ohnehin ist nichts im Leben permanent. Alles ist ständige Veränderung. Der Versuch, einen Zustand auf ewig zu fixieren führt demnach unweigerlich zu Leid. Denn es lässt sich einfach nichts in diesem Leben für immer festhalten.

Dass nichts Bestand hat, kann zunächst beängstigen. Diese Vergänglichkeit kann aber auch tröstlich sein. Denn sie schärft den Blick für den Moment, für das Wesentliche und für das was gerade ist. Sie zeigt uns unsere eigene Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit. Und sie weist darauf hin, dass erst durch eine Art der Zerstörung echtes Leben und Kunst möglich sind. Das Wesentliche tritt in den Vordergrund. Alles Eitle, Leere und Nichtige erscheint im Angesicht der Vergänglichkeit unwichtig – denn es bleibt ohnehin nichts für ewig.

Vanitas kann deshalb auch heißen, den Prozess zu lieben und nicht verzweifelt an den Dingen festzukrallen. Die Vergänglichkeit ist vielleicht nicht die Schönheit selbst. Aber sie hat die Kraft, die Sinne für die Schönheit des Augenblicks, für die Transformation in allen Dingen und für das Wesentliche zu schärfen.

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